Emy Rogge - Ein Vortrag von Claudia Cornelius

Emy Rogge

Ein Vortrag von Claudia Cornelius anlässlich unserer Activity "Klangvolles Museum" im September 2019

Manche Künstler geraten mit der Zeit beinahe in Vergessenheit, obwohl ihr Werke einst weit verbreitet waren...

Zu ihnen gehört auch Emy Rogge, deren in Öl gemalten Bilder und vor allem ihre Radierungen eine sehr große Verbreitung fanden.

Wir haben es dem 2014 verstorbenen Dieter Auffarth zu verdanken, der bei Recherchen zu einem anderen Thema auf Emy Rogge aufmerksam wurde. In jahrelanger Puzzlearbeit hat er Informationen zusammengetragen. Aus Kirchenbüchern und vor allem aus noch existierenden, alten Briefen, konnte er Stück für Stück Emy Rogges Leben rekonstruieren und hat mit Hilfe seiner Tochter Caterina und dem Rüstringer Heimatbund eine Biografie von Emy Rogge erstellt.
Diese ist dann auch auf meinem Nachttisch gelandet. Beim kurzen Reinschauen fiel mir auf, das sie auf unserem Nachbarhof geboren wurde, in der selben Kirche wie unsere Kinder getauft wurde und in dem Jahr gestorben ist, in dem ich geboren bin.

Genau vor 60 Jahren verstarb die Künstlerin Emy Rogge im Alter von 93 Jahren.
Sie gehörte zu jenen bemerkenswerten Frauen des 19. Jahrhunderts, die sich vollkommen der Kunst verschrieben hatten. 
Emy blieb unverheiratet, war also nicht, wie damals selbstverständlich, durch einen Ehemann versorgt und damit in der schwierigen Lage, für ihren Lebensunterhalt selbst sorgen zu müssen.
Als Hinterbliebene von Emy Rogge sind in der Traueranzeige Nachkommen von Emy´s jüngerem Bruder Cornelius aufgeführt: Zwei Töchter und ein Enkel, Dr. Sarodnick aus Hamburg.
Ich habe vor zehn Jahren, in der Zeit unserer Clubgründung, mit ihm Kontakt aufgenommen. Er war sehr interessiert und hat es im Namen der Familie befürwortet, dass wir den Namen seiner Großtante für unseren Club verwenden wollten.
Das stellte den Startpunkt dar, um Emy Rogge in Nordenham wieder ins Gedächtnis zu rufen.
Es folgte eine Emy Rogge Ausstellung des Nordenhamer Kunstvereins und in diesem Jahr bekam die Stadt Nordenham die Auszeichnung „FrauenORT Emy Rogge“. An allen Anlässen nahm Herr Dr. Sarodnick, der Großneffe von Emy Rogge, gerne teil.

Emilie Rogge wurde auf dem Hof Picksburg bei Schweewarden geboren.
Damals war es ein großes Gut, welches der Familie Rogge gehörte. 

1932 wurde der Hof durch einen Schornsteinbrand zerstört und teilweise wieder aufgebaut. Heute ist dort ein Seniorenheim untergebracht.

Auf den Namen Anna Emilie Clara Rogge wurde sie getauft.

Erkennen Sie die Kirche?
Es ist die Kirche St. Hyppolyt in Blexen. 120 Jahre später wurden auch unsere Kinder dort getauft.

Die Familie Rogge gehört zu den altoldenburgischen Bauerngeschlechtern, deren Namen schon im 15. Jahrhundert auftauchten. Unter ihnen sind sehr viele wohlhabende Bauern zu finden, die damals große Güter bewirtschafteten. 
Sie hatten viele Nachkommen und immer wieder gleiche Vornamen. Daher ist die Ahnenforschung hier sehr schwierig. Eine direkte Verwandtschaft mit der bekannten Heimatdichterin Alma Rogge ist nicht belegt.

Emilies Vater Johann Hinrich Rogge studierte Landwirtschaft in Sachsen und war dort als Ökonom auf einem Gut tätig. In Sachsen lernte er auch seine spätere Frau Clara Naumann kennen. 
Clara Naumann stammt aus einer musisch und kulturell gebildeten Gutsbesitzerfamilie. Viele Maler und Musiker gingen im Naumannschen Haus ein und aus. 
1865 heirateten Johann Hinrich Rogge und Clara Naumann.
Die Stadt Nordenham gab es zu der Zeit noch nicht, aber aus Atens und Butjadingen entwickelte Wilhelm Müller, ein Vetter 2. Grades von Johann Hinrich Rogge, einen regen und sehr lukrativen Viehhandel mit England. 
Johann Hinrich Rogge bemerkte bei einem Besuch in der Heimat, dass sich die wirtschaftliche Lage an der Unterweser deutlich gebessert hatte, auch der Bau der Eisenbahn fiel in diese Zeit.
Das Paar zog nach Picksburg, 1866 wurde Emilie geboren und zwei Jahre später ihr Bruder Johann Cornelius Rogge, mit dem sie später im hohen Alter noch viele Jahre zusammen lebte.

Später zog die Familie in die Atenser Chaussee, die heutige Bahnhofstraße in Nordenham. Emilies Vater war als Auktionator am umfangreichen Viehhandel beteiligt und gründete 1872 die erste Butjadinger Bank. 
Emilie besuchte die Atenser Schule und wechselte später auf eine Privatschule. Dort hat sie auch den ersten Zeichenunterricht „genossen“. 
Ihre kunstliebende Mutter hat sie immer wieder zum Zeichnen angeregt. Ihren künstlerischen Neigungen ging Emilie meist hinter verschlossenen Türen nach. Für Töchter aus besseren Kreisen war es üblich, sich mit der Hauswirtschaft zu beschäftigen und nicht mit einer brotlosen Kunst, wobei gewisse musische Fähigkeiten sich positiv auf eine Verheiratung auswirken konnten.
Eine Dame malte weder für Geld noch für die Ewigkeit, sondern um den häuslichen Bereich zu verschönern und ihrem Mann Ehre zu machen.
Das sollte sich bei Emilie anders entwickeln.
Emilies Vater war mehrere Jahre Gemeindevorsteher, musste dieses Amt aber aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Es muss erwähnt werden, dass er nebenbei auch eine Weinhandlung betrieb und man sagt, diese habe seiner Gesundheit geschadet.
Sie zogen nach Münster. Und Emy´s Vater hoffte, an der dortigen medizinischen Universität Heilung zu finden, verstarb jedoch zwei Jahre später.

Emilie war nun Anfang zwanzig und zog in den folgenden Jahren mit ihrer Mutter Clara und ihrem Bruder Cornelius häufig um. Die Familie hatte einen starken herzlichen Zusammenhalt und pflegte den regelmäßigen Kontakt zu Freunden und der mütterlichen Familie in Sachsen. Seit 1872 gab es eine Bahnverbindung von der Weser nach Sachsen, so dass Reisen einfacher wurden.
Emilie verbrachte dann einige Zeit bei ihrem Onkel, dem bekannten Bildhauer Oskar Rassau in Dresden. Sie wurde von ihm unterrichtet und nahm Zeichenunterricht bei verschiedenen Lehrern.
Ein Besuch der Hochschule für bildende Künste in Dresden war Frauen zu der Zeit noch nicht gestattet.
1892 zog sie mit Mutter und Bruder nach Oldenburg. In ihrer Oldenburger- und späteren Berliner Zeit hatte sie immer wieder Ausstellungen im Augusteum und wurde Gründungsmitglied des Oldenburger Künstlerbundes. Sie bildete sich in Malschulen künstlerisch weiter. Damals gründeten erfahrene Künstler Malschulen.

Bekannt ist die Ansicht der Dötlinger Dorfstraße, die Emy jeweils in unterschiedlichem Licht wiedergibt. Von Bild zu Bild ändern sich Details, sie wählt verschiedene Farben und entscheidet sich für oder gegen eine Windmühle am Horizont.
Emy hielt sich also nicht zwingend an das Naturvorbild, sondern wählte eine dem besonderen Ausdruck entgegenkommende Gestalt.
Hier, wie auch bei vielen anderen ihrer Gemälde, erkennt man eine schluchtartige Erstreckung in die Bildtiefe, die das landschaftliche Geschehen dramatisiert, unterstützt durch einen stets von großen Wolken belebten Himmel. 
Die Vielzahl dieser sich immer wieder ähnelnden Bilder ist zu entnehmen, dass diese Motive zu der Zeit gefragt waren.

Für eine gute Ausbildung und ein malerisches Talent sprechen viele der Arbeiten Emy Rogges. Hier ein männlichen Porträt zu sehen. 
Durch solche Bilder erhärtet sich die Vermutung, dass viele ihrer Landschaftsmalereien im Hinblick auf mögliche Käufer gefertigt wurden.
Zeitlich parallel betrachtet: die 10 Jahre jüngere verheiratete, und dadurch wohl auch finanziell abgesicherte, Paula Modersohn Becker hält sich immer wieder in Paris auf, wo sie von der expressionistischen Malerei beeinflusst wird und eine ganz eigene Ausdrucksform entwickeln kann.
Paula Modersohn Becker (1876 – 1907)
1876 geb. in Dresden, ab 1888 in Bremen, 1896 Ausbildung in Berlin, ab 1897 Worpswede, 1901 Heirat, 1900 bis 1907 Paris

Hier eine von Emy Rogge gefertigte Kopie des „Kaufmann Gisze“ von Hans Hohlbein.

20 Jahre lang ist sie als Kopistin im Berliner Kaiser-Friedrich-Museum beschäftigt. Das Kopieren der alten Meister setzte ein hohes handwerkliches Vermögen voraus und vor allem verschaffte es ihr ein sicheres Einkommen. Für diese Kopie wurde sie von Kaiser Wilhelm II. persönlich hochgelobt.

Das Bild ist heute im Eigentum ihres Großneffen Dr. Sarodnick, der es der Stadt Nordenham anlässlich der Verleihung des Titel "FrauenORT Emy Rogge" als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt hat. Es hängt im Sitzungssaal A des Rathauses, der in „Emy Rogge Zimmer“ umbenannt wurde.

Einige wenige ihrer Bilder zeigen leicht impressionistische Züge. Kurze, bewegte Pinselstriche in hellen Farben, sie wirken nicht so schwer und sentimental.

Hier ein Familienfoto der Rogges: außen die Geschwister Cornelius und Emy Rogge, in der Mitte Mutter Clara und Emy´s Schwägerin Bertha Rube.
Der zwei Jahre jüngere Bruder Cornelius war zunächst als Handlungsreisender im Exportgeschäft tätig. Er arbeitete für verschiedene Süßwarenfabriken wie Nestle, Stollberg und Sprengel und war bis 1919 für die Bonchenfabrik in Wesermünde tätig.  
Mit der Fabrikantentochter Bertha Rube war Cornelius 30 Jahre lang verheiratet. Sie hatten vier Kinder und als zu Beginn der Rezession die Geschäfte schlechter liefen, zog er 1922 zu seiner Mutter und Schwester nach Worpswede und gründete einen Kunstverlag.

Dieser Kunstverlag hatte sich vor allem auf Radierungen der Geschwister Rogge spezialisiert. Eine große Anzahl von Radierungen wird in der Worpsweder Zeit in Form von Postkarten vertrieben, wodurch sie eine große Verbreitung fanden und eine zusätzliche Einnahmequelle darstellten.
Bei den hier zu sehenden Radierungen ist nicht mehr genau zu sagen, ob sie von Emy oder von dem Autodidakten Cornelius angefertigt wurden.

Cornelius Rogge verstarb 1949 in Worpswede.

Mit 87 Jahren zog Emy Rogge in den Diedrichshof in Worpswede, der einer Bremer Heimstiftung gehörte.

Dort verbrachte sie ihre letzten 7 Jahre, glücklich, zufrieden und malend.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen einen kleinen Überblick über das Leben von Emy Rogge geben und bedanke mich für die Aufmerksamkeit.